Abgeschlossene Projekte

Eine Auswahl schon abgeschlossener Projekte aus unserem Lehrbereich

Kommensurierungsprozesse auf Finanzmärkten

Ein DFG-Forschungsprojekt

Dass das globale Finanzsystem nicht ungefährlich ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Aber was macht das Finanzsystem eigentlich zum System – also zu einem dicht verschalteten, eigendynamischen, expansionsgeneigten, selbstreferentiellen Zusammenhang? Diese Frage wird selten gestellt, weil der Systembegriff in weiten Teilen der Soziologie als ‚verbrannt‘ gilt. Aber wenn man von Theorievorlieben und -abneigungen einmal absieht, ist die Frage der Sache nach wichtig. Wenn man sie stellt, kann man auf folgende Antwort kommen: Die Systemhaftigkeit des Finanzsystems hängt an seiner Fähigkeit zur Kommensurierung ab, d.h. zur Vergleichbarmachung unterschiedlicher Finanzwerte und Finanzinstrumente. Viele grundlegende Finanzinstrumente (Kredite, Staatsanleihen, Aktien) existieren historisch schon recht lange, aber sie existierten nicht in einem Finanzsystem, sondern als verstreute soziale Praktiken in jeweils ihrem sozialen Milieu – ohne starken Zusammenhang untereinander. Es gab keine Mittel zur ihrer systematischen Vergleichung und relativen Bewertung. Dann wurden jedoch in einem langen historischen Prozess diese Mittel entwickelt, etwa in Form von Rendite- und Risikokennziffern, Diversifierungs- und Arbitragetechniken usw. Aus verstreut betriebenen Finanzpraktiken wurden Elemente eines hoch interdependenten, hochgradig global verschalteten und hochgradig dynamischen Systems, von denen jedes hochsensibel auf Änderungen in anderen reagiert.

Das DFG-Forschungsprojekt erforscht Kommensurierungsprozesse in zwei Dimensionen:

  • Kommensurierung von Derivaten und "einfachen" Finanzwerten (wie Aktien, Anleihen)
  • Kommensurierung des Bankensektors und des Schattenbankensektor und damit auch die Kommensurierung von Geld und geldäquivalenten Instrumenten wie Repos, Geldmarktfonds, ABCP.

Projektnummer
452530257
Projektbeginn
April 2021
Laufzeit
36 Monate
Leitung
Dr. Barbara Kuchler
Mitarbeitende
Veröffentlichungen

Übersetzungskonflikte

Das DFG-Forschungsprojekt beginnt dort, wo die theoretische Debatte über die Theorie funktionaler Differenzierung zumeist aufhört: in einer Alltagspraxis konkreter Schnittstellen nämlich, in der empirisch die Differenz unterschiedlicher Perspektiven und Logiken soziale Folgen hat.

Wie sich eine Gesellschaft, die nicht mehr durch eine zentrale Instanz legitim vertreten und beschrieben werden kann, auf Perspektivendifferenz einstellt, welche praktischen Lösungen sich im Umgang mit Differenz bewähren, soll an drei unterschiedlichen Themenfeldern untersucht werden:

  • Teamförmige Behandlung von sterbenden Patienten auf Palliativstationen
  • Organisierte Praxis der Organspende
  • Öffentlicher Diskurs zur religiösen Beschneidung

Im Zentrum der Teilprojekte steht die alltägliche Aushandlung und organisatorische Bearbeitung von Übersetzungskonflikten. Das normative Modell eines argumentativ herbeigeführten Konsenses (Habermas) soll dabei ausdrücklich nicht zum Anspruch erhoben werden; vielmehr stehen niedrigschwellige Formen der Verständigung – praktische Lösungen – im Fokus des Interesses.

Allen Kontexten ist gemeinsam, dass sich unterschiedliche Perspektiven an spezifischen gesellschaftlichen Problemlagen kristallisieren. Gerade durch die epistemologische Unübersetzbarkeit dieser Perspektiven zeitigen sie aber hier erst die Bedingungen für praktische Übersetzungskonflikte, die eben nicht krisenhafter Ausnahme-, sondern vielmehr operativer Normalfall sind.

Projektnummer
268189345
Laufzeit
2015 - 2018
Leitung
Prof. Dr. Armin Nassehi
Dr. Irmhild Saake
Mitarbeitende
Dr. Niklas Barth
Dipl.-Soz. Katharina Mayr
Dr. Alma Demszky
Matthias Tann
Veröffentlichungen
Nassehi, A. (2019). Sterben. Zwischen kommunikativer Kontrolle und Drastik. In J. Allmendinger, O. Jarren, C. Kaufmann, H. Kriesi, & D. Kübler (Hrsg.), Zeitenwende: Kurze Antworten auf große Fragen der Gegenwart (87-196). Orell Füssli.

Nassehi, A., Saake, I., & Barth, N. (2019). Die Stärke schwacher Verfahren. Zur verfahrensförmigen Entdramatisierung von Perspektivendifferenzen im Kontext der Organspende. Zeitschrift für Soziologie, 48(3), 190-208. doi.org/10.1515/zfsoz-2019-0015

Saake, I., Nassehi, A., & Mayr, K. (2019). Gegenwarten von Sterbenden. Eine Kritik des Paradigmas vom „bewussten Sterben“. KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 71(1), 27-52. doi.org/10.1007/s11577-019-00592-z

Nassehi, A., Saake, I., & Mayr, K. (2019). Mit Sterbenden sprechen. Die Rolle des Seelsorgers und die Potenz religiöser Rede auf multidisziplinären Palliativstationen. In T. Roser (Hrsg.), Handbuch der Krankenhausseelsorge (78–91). Vandenhoeck & Ruprecht.

Nassehi, A., Saake, I., & Tann, M. (2019). Anerkennung und Eigensinn. Übersetzungskonflikte am Beispiel der Ethikratsdebatte zu Intersexualität. Soziale Welt, 70(3), 233-267. doi.org/10.5771/0038-6073-2019-3

Nassehi, A. (2018a). Wissenschaft und Kunst. Die Krise der Realität und die Realität der Krise. Berliner Debatte Initial, 29, 6-14.
Nassehi, A. (2018b). Das moderne Krankenhaus. Die Intelligenz der verteilten Intelligenz. In Alfried Krupp von Bohlen & Halbach-Stiftung (Hrsg.), Im Krankenhaus (193-200). Spector Books.

Barth, N., Nassehi, A., & Saake, I. (2017). Perspektivität durch Verfahren. Zur Funktion des Deutschen Ethikrats. Soziale Systeme, 22(1-2), 274-297. doi.org/10.1515/sosys-2017-0008

Barth, Niklas; Mayr, Katharina: Der Mediator als Übersetzer? Gesellschaftliche Strategien der Differenzbearbeitung, in: Katharina Kriegel-Schmidt (Hrsg.): Mediation als Forschungsgegenstand. Auf dem Weg zu einer deutschsprachigen Mediationswissenschaft. Wiesbaden: VS Verlag 2016

Demszky, Alma; Barth, Niklas: Religiöse Übersetzungskonflikte in historischer und soziologischer Perspektive Eine Untersuchung zur religiös motivierten Knabenbeschneidung, in: David Käbisch, Michael Wermke (Hrsg.): Religiöse Erziehung, Bildung und Sozialisation im Wandel. Transnationale Grenzgänge und internationale Beziehungen. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2016

Nassehi, Armin: Übersetzungskonflikte und die Wiedergewinnung des Politischen, in: ders.: Die Wiedergewinnung des Politischen. Eine Auseinandersetzung mit Wahlverweigerung und kompromisslosem Protest. Sankt Augustin/Berlin: Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. 2016, S. 101-119.
Saake, Irmhild: Zum Umgang mit Asymmetrien und Unterschieden, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 09/2016, S. 49-54.

Atzeni, Gina; Nassehi, Armin: Professionelle Übersetzungselite? - Soziologische Überlegungen zur Struktur von Wertkonflikten in der modernen Gesellschaft, in: Zeitschrift für medizinische Ethik 04/2015, S. 302-313.

Nassehi, Armin: Übersetzungskonflikte. Die Geburt der Differenz aus dem Geist der Perspektivendifferenz?, in: ders.: Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss. Hamburg: Murmann 2015, S. 256-295.

Nassehi, A.; Saake, I.; Mayr, K. (2015): The Multiplication and Realization of Speakers as polyphony, in: Knudsen, M.; Vogd, W. (Hg.): Systems Theory and the Sociology of Health and Illness. Observing healthcare, London/New York: Routledge, S. 173-194.

Optionssteigerung durch produktive Selbstbeschränkung? Resiliente Strukturen experimenteller Institutionalisierung

Moderne Gesellschaften charakterisiert ein Anstieg an Handlungsoptionen bei gleichzeitigem Zuwachs an Entscheidungsdruck.

Mit dem Recht haben sie Prozeduren institutionalisiert, mit welchen auf die exponentielle Zunahme von Entscheidungsproblemen reagiert werden kann. Das Forschungsprojekt untersucht einen möglichen Rechtsformenwandel in der Regulation dieser Entscheidungskonflikte: Gehen mögliche „Resilienzreserven“ des Rechts in diesem Veränderungsprozess verloren? Oder kommt es zu neuen Rechtsformen?
Unter dem Stichwort „rechtliche Selbstbindungsmechanismen“ analysiert das Forschungsprojekt daher sich verändernde Entscheidungsprozeduren moderner Gesellschaften.

Institutionen können handlungsorientierend wirken. Entweder schaffen sie spezifische Programmierungen und Institutionalisierungen („Ethik-Kommissionen“), oder aber sie formulieren abstraktere Prinzipien („Vorsorgeprinzip”), durch die sich für die Beteiligten neue Entscheidungsspielräume eröffnen.

Zu beobachten ist: Immer öfter sind Akteure gezwungen, ad-hoc zu reagieren, ohne dabei auf Erfahrungswerte zurückgreifen zu können. Denn die neuen Entscheidungssituationen können immer weniger auf Grundlage eines erfahrungsbasierten Wissens entschieden werden. Daher werden neue Formen der Verantwortung, Transparenz und Partizipation eingefordert. Diese „Lösungsangebote“ erweisen sich jedoch oftmals als ambivalent: Ein Zuviel an Transparenz kann die Entscheidungsfähigkeit wieder mindern, ein Zuviel an Partizipation Desinteresse an politischen Prozessen auslösen.

Den hiermit einhergehenden Rechtsformenwandel untersucht das Forschungsprojekt empirisch an Ethik-Kommissionen (mit Fokus auf das Feld der Biomedizin) und aktuellen Veränderungen im Risikoverwaltungsrecht (mit Fokus auf die Chemikalienregulierung).

Ein vom Bayerisches Staatsministerium für Forschung, Wissenschaft und Kunst geförderten Projekt.

Projektnummer
Projektbeginn
Juni 2013
Laufzeit
36 Monate
Leitung
Mitarbeitende
Dr. Stefan May
PD Dr. Dipl.-Ing. Stefan Böschen
Roman Thurn
Daniel Ellwanger
Veröffentlichungen

Die Bedeutung von Wissen in der Gestaltung und Regulierung von Gesundheits- und Bildungspolitik in Europa: Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Nationen und Sektoren

Auf welche Wissensbasis können politische Entscheidungsträger zurückgreifen?

Wie funktioniert die Wissenszirkulation zwischen Forschungsinstitutionen und Politik?

Fragen dieser Art werden im Rahmen des Forschungsprojektes ‚Knowledge and Policy‘ gestellt und beantwortet. Das Projekt untersucht die Intersektionen von wissenschaftlicher Expertise und politischen Entscheidungsfindungsprozessen. Es sollen Einblicke darüber verschafft werden, wie Fachwissen relevanter Wissenschaftszweige in Form von Expertengremien, Ausschüssen oder Auftragsforschung Eingang in politische Entscheidungen findet. Als Fallbeispiel werden Aspekte der Gesundheits- und Bildungspolitik in Deutschland untersucht.

Das internationale Forschungsprojekt sucht nach Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen den beiden Untersuchungssektoren ‚Bildungs-‘ und ‚Gesundheitspolitik‘ sowie zwischen den teilnehmenden Ländern. Es sollen länder- und sektorspezifische Modelle der Ausgestaltungsmöglichkeiten der Zusammenarbeit von Wissenschaft und Politik nachgezeichnet werden.

Beteiligte Länder:

  • Deutschland
  • Belgien
  • Frankreich
  • Norwegen
  • Schottland
  • Portugal
  • Ungarn
  • Rumänien

Projektnummer
Projektbeginn
Oktober 2006
Laufzeit
60 Monate
Leitung
Prof. Dr. Armin Nassehi
Mitarbeitende
Dr. Alma von der Hagen-Demszky
Dipl.-Soz. Katharina Mayr
Veröffentlichungen

Reflexiver Konstitutionalismus? Rechtsformenwandel im Prozess reflexiver Modernisierung

Die Vertreter einer Soziologie reflexiver Modernisierung heben hervor, dass im Prozess der Globalisierung und einer zunehmenden Transnationalisierung nationalstaatliche Regulierungs- und Handlungsformen unter Druck geraten. Hierbei ist es offensichtlich, dass die einschlägigen Rechtsformen sich im Prozess der Regulierung und Steuerung der unterschiedlichen Herausforderungen der Risikogesellschaft sowie der unbeabsichtigten Nebenfolgen der Weltrisikogesellschaft verändern. Als Konsequenz dieser Prozesse lassen sich neuartige Formen transnationalen Rechts beobachten, die unter dem Begriff des „emergenten Rechts“ diskutiert werden.

Das DFG-Forschungsprojekt unternimmt den Versuch, diesen rechtspolitischen Wandlungsprozess im Kontext transnationaler und kosmopolitischer Ordnungsbildungen zu systematisieren und an ausgesuchten exemplarischen Beispielen die normative Institutionalisierung eines „reflexiven Konstitutionalismus“ zu begründen. Dieser Wandlungsprozess wird einerseits rechtsimmanent (Prozeduralisierung, Temporalisierung, Flexibilisierung) sowie rechtspolitisch (Grundrechtssystematik, Entscheidungsregeln auf Verfassungsebene) untersucht. Andererseits unterscheidet das Projekt diese Untersuchungsebenen nach einer nationalstaatlichen und kosmopolitischen Perspektive. Gerade im transnationalen Wirtschaftsrecht (Medizinrecht, Patentrecht) lässt sich die Herausbildung eines transnationalen Kollisionsrechts beobachten (rechtsimmanente Veränderungen). In der Verschränkung nationalstaatlicher und kosmopolitischer Blickwinkel wird die besondere Dynamik des gegenwärtigen Wandels von Rechtsformen modernen Rechts sichtbar. Um diese Dynamik in seiner Reichweite hervorheben zu können, wird das Forschungsprojekt seine Analyse unter dem Gesichtspunkt des Ausnahmezustands strukturieren. Denn letztlich provozieren die Entwicklungen auf beiden Ebenen die grundsätzliche Frage nach den Grenzen und der Wirksamkeit modernen Rechts.

Projektbeginn
Juli 2005
Projektende
September 2009
Leitung
Mitarbeitende
Stefan May
Veröffentlichungen

Ethik und Organisation - Klinische Ethik-Komitees: Strukturen ethischer Entscheidungen

Die Vermehrung von Ethik-Komitees in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen verweist auf zweierlei: zum einen darauf, dass die moderne Gesellschaft unhintergehbar mit moralischer Diversität leben muss, zum anderen darauf, dass Entscheidungen in wichtigen gesellschaftlichen Bereichen zunehmend ohne sichere Entscheidungskriterien gefällt werden müssen. Das interdisziplinär angelegte Forschungsprojekt beteiligt Theologen und Soziologen. Während die theologischen Kollegen sich in erster Linie für die Frage interessieren, wie sich bestimmte Standards abendländischer Begründungsfiguren in gegenwärtige Entscheidungsroutinen implemenetieren lassen, ist es das Interesse der soziologischen Beteiligten, semantische und strategische Grundstrukturen in ethischen Entscheidungsprozessen herauszuarbeiten.

Dabei werden sowohl gesellschaftstheoretische als auch organisationssoziologische und Fragen des Transfers wissenschaftlich begründeter Standards in nicht-wissenschaftliche Handlungszusammenhänge untersucht. Gegenstand der Untersuchung werden in erster Linie medizinische Ethik-Komitees sein.

Ein DFG-Forschungsprojekt.

Projektnummer
5361823
Projektbeginn
2002
Laufzeit
84 Monate
Leitung
Prof. Dr. Reiner Anselm
Prof. Dr. Armin Nassehi
Prof. Dr. Traugott Roser
Prof. Dr. Michael Schibilsky
Dr. Irmhild Saake
Mitarbeitende
Veröffentlichungen

Nebenfolgen im Recht: Risikorechtliche Regulierung neuer Risiken am Beispiel der Biomedizin

Das DFG- Forschungsprojekt erarbeitet die spezifischen risikorechtlichen Besonderheiten, die in der gegenwärtigen Entwicklung der Biomedizin beobachtet werden können. Die neuartigen „Personalitätsrisiken“ im Kontext biomedizinsicher Humantechnologien, beobachtbare „Subjektivierungsprozesse im Recht“ als auch neue grundrechtspolitische Debatten dienen als Untersuchungsfeld, um die hieraus resultierenden Konfliktlinien in zwei Richtungen zu differenzieren. Einerseits die Konstituierung und Differenzierung neuer Rechtssubjektivität im Kontext der Biomedizin sowie ihrer subjektivrechtlichen Ausdrucksformen, die nicht mehr umstandslos mit den bisherigen wohlfahrtsstaatlichen Rechten des institutionalisierten Individualismus kurzgeschlossen werden können. Andererseits mögliche Antworten auf die dadurch hervorgerufenen Konflikte, die sich in den bisherigen prozeduralen Lösungen abzeichnen und einer weitergehenden Differenzierung bedürfen.

In einer zweiten Hinsicht beabsichtigt das Projekt eine Präzisierung der gegenwärtigen Zeitdiagnose einer „Entgrenzung“ des Politischen. Dabei geht es von der Vermutung aus, dass in den rechtsempirischen Beobachtungen neuer Rechtssubjektivität sich Konfliktlinien zeigen, die nicht allein eine Zunahme neuer subjektiver Rechte implizieren, sondern vielmehr eine Herausforderung bisheriger rechtspolitischer Formen des institutionalisierten Individualismus darstellen.

Für die empirische Weiterentwicklung der „Theorie reflexiver Modernisierung“ greift das Projekt damit die Frage auf, wie durch die konsequente Inanspruchnahme einer „gelingenden Technologie“ soziale Nebenfolgen hervorgerufen werden, die eine Neuorganisation bzw. Infragestellung bisheriger institutioneller Grenzziehungen und Grenzziehungsmuster hervorrufen. Hierbei beabsichtigt das Forschungsprojekt einerseits eine rechtstheoretische sowie rechtspolitische Präzisierung der „Subpolitik“, andererseits eine rechtssoziologische Typologie und prozedurale Heuristik verfahrensrechtlicher Regularien im Umgang mit neuen Risiken.

Projektbeginn
Juli 2002
Laufzeit
Juli 2005
Leitung
Mitarbeitende
Stefan May
Veröffentlichungen

Todesbilder in der modernen Gesellschaft

Nach der Erosion klassischer religiöser und sonstiger traditioneller Todesbilder spürt das Forschungsprojekt alltagsrelevanten Todesbildern nach, von denen anzunehmen ist, dass sie die klassischen und traditionellen Todesbilder entweder substituieren oder erweitern.

Ein DFG-Forschungsprojekt.

Projektnummer
Projektbeginn
1999
Laufzeit
36 Monate
Leitung
Prof. Dr. Armin Nassehi
Mitarbeitende
Dr. Irmhild Saake
Dr. Susanne Brüggen
Dr. Hubertus Niedermaier
Dipl.-Soz. Ursula Niesel
Prof. Dr. Georg Weber
Veröffentlichungen

Institutionelle Folgen kognitiver Ungewissheit und normativer Unsicherheit: das Beispiel der Humangenetik

Das DFG-Forschungsprojekt leistet einen Beitrag zu der Diskussion um die Veränderung des Status und der Bedeutung „wissenschaftlichen Wissens” in der zweiten Moderne. Unter den Bedingungen „reflexiver Modernisierung” – so die Hypothese – trägt die Zunahme an Wissen gleichzeitig zu einer Steigerung des Nichtwissens bei. Mehr wissenschaftliches Wissen führt mithin nicht notwendigerweise zu mehr Sicherheit, sondern vielmehr zu einer Zunahme an kognitiver Ungewissheit und normativer Unsicherheit. Diese Problematik soll exemplarisch an der medizintechnischen Entwicklung im Bereich der Humangenetik untersucht werden.

Das Projekt erforscht unter ausgewählten Gesichtspunkten drei zentrale gesellschaftliche Institutionen, denen die Aufgabe zukommt, Ungewissheit zu reduzieren bzw. zu kompensieren: die Profession, das Recht und die Politik. Es geht der Frage nach, ob und in welcher Weise in diesen Institutionen die bisherigen Verarbeitungsformen zur Bewältigung von Ungewissheiten ausreichen bzw. an welchen Punkten dies nicht mehr gelingt und in welcher Form sich Anzeichen neuer reflexiver Verfahren auffinden lassen.

Projektbeginn
Juli 1999
Projektende
Juli 2002
Leitung
Mitarbeitende
Stefan May
Veröffentlichungen

Steuerungsrechtliche und –politische Fragen der Humangenetik

In der Folge der Entwicklung humangenetischen Wissens kommt es zu neuen Anforderungen an das Medium des Rechts. Neue Grenzziehungen innerhalb des Systems der subjektiven Rechte werden erforderlich. So erzwingt das humangenetische Wissen beispielsweise eine neue Abwägung zwischen dem Recht auf Wissen um die eigene genetische Abstammung und dem Recht auf Nichtwissen. Auch die Schutzpflichten des Staates müssen durch das im allgemeinen Persönlichkeitsrecht verankerte Grundrecht auf „bioethische Selbstbestimmung“ neu ausgehandelt werden. Zudem betreffen die Entwicklungen der Humangenetik das Selbstverständnis personaler Identität. Formen der Intimität werden politisiert, in deren Folge neue Verhältnisbestimmungen von privat und öffentlich auf die Tagesordnung geraten.

„Life Politics“ verlangen nach neuen rechtlichen Verfahrensinstrumenten, die politischen Verfahrens- und Steuerungsinstrumente der einfachen Moderne reagieren jedoch nur unzureichend auf diese Herausforderung der „life politics“. Daran knüpft sich die zentrale Frage an, welche „mittleren“ Entscheidungs- und Verfahrensebenen hier gefunden werden können. Das Forschungsprojekt greift diese Fragestellungen auf und untersucht in Form neuer Mediations- und Konsensusverfahren deren soziologische und nicht zuletzt rechtssoziologische Funktion.

Von der VW-Sitftung gefördert.

Projektbeginn
Januar 1999
Projektende
April 2000
Leitung
Mitarbeitende
Stefan May
Veröffentlichungen

Normierung professionellen Handelns im Spannungsfeld von Rechtsrahmen, professioneller Selbstkontrolle und reflexiver Kompetenz am Beispiel der Humangenetik

Normen sind Verhaltensregeln, also mehr oder weniger verbindliche Erwartungen, die die Mitglieder einer Gruppe oder der Gesellschaft aneinander stellen und deren Einhaltung sie überwachen. „Normierung“ meint das Setzen, Kontrollieren und Sanktionieren von Verhaltensregeln und impliziert gleichermaßen die Frage nach dem Akteur und dem Vorgang der Normsetzung. Das professionelle Handeln des Humangenetikers ist in ein mehrschichtiges System von Verhaltenserwartungen und -vorschriften eingebunden.
Analytisch legt das Forschungsprojekt ein – am Grad der Verbindlichkeit orientiertes – abgestuftes Modell von Normierung zugrunde, das empirisch überprüft werden soll.

Rechtsnormen, also für die Humangenetik einschlägige Gesetzestexte und rechtskräftige Urteile, sind durch ihr hohes Maß an Verbindlichkeit charakterisiert und bilden damit in diesem Modell die oberste Stufe. Die Normierung professionellen Handelns obliegt jedoch nicht ausschließlich den staatlichen Instanzen der Gesetzgebung und der Rechtsprechung. Vielmehr beanspruchen auch die Selbstverwaltungsorgane der Profession, also v.a. die Standesorganisationen und Berufsvereinigungen, dafür eine eigene Zuständigkeit. Auf der zweiten Stufe lassen sich also Verhaltensregelungen und Vorschriften ansiedeln, die seitens der Professionen Medizin und Humangenetik aufgestellt und durchgesetzt werden.
Theoretisch verortet sich die Normierung professionellen Handelns im Spannungsfeld rechtlicher Regulierung einerseits sowie rechtlicher Steuerung von Selbstregulierung andererseits.

Das Forschungsprojekt bewegt sich damit an der Schnittstelle zwischen rechts- und professionssoziologischen Problemstellungen. Dabei ist die Frage einer möglichen Wahlverwandtschaft oder einer inhärenten Widersprüchlichkeit „reflexiver“ Kompetenz in der Humangenetik einerseits und der neueren rechtssoziologischen Diskussion um sogenanntes „reflexives Recht“ andererseits zu klären.

Von der VW-Stiftung gefördert.

Projektbeginn
Januar 1997
Projektende
Dezember 1998
Leitung
Mitarbeitende
Stefan May
Veröffentlichungen